Problemstellung und Handlungsbedarf
Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation in der Bundesrepublik Deutschland stellt sich am Beginn eines neuen Jahrtausends ambivalent dar:
Die immer größer werdenden Potentiale der Informations- und Kommunikationstechnologie und die damit einhergehende Unabhängigkeit von Zeit und Raum - verstärkt durch eine voranschreitende Globalisierung - führen zu tiefgreifenden Veränderungen in der Arbeitswelt - wobei diese Veränderungen (bedingt durch den demografischen Wandel) mit durchschnittlich älteren Mitarbeitern 1 zu bewältigen sind. Die Szenarien für die Beschäftigten reichen von einer weiteren Verringerung traditioneller Erwerbsarbeit durch Produktivitätsfortschritte, z.B. bei Banken und Versicherungen, über Mehrfacharbeitsverhältnisse mit gesteigerter (zeitlicher) Inanspruchnahme bis hin zum "Arbeitskraftunternehmer". Für die - zahlenmäßig abnehmenden - Stammbelegschaften werden Arbeitsbedingungen mit gestiegenen Möglichkeiten zur Selbstbestimmung bzw. höherer Autonomie, aber auch zunehmende und z.T. neuartige Belastungen prognostiziert.
Die Schaffung neuer, aber auch die Umverteilung vorhandener Erwerbsarbeit werden genauso diskutiert wie die Frage der Finanzierung von Arbeit statt Arbeitslosigkeit. Finanzielle Restriktionen sowie die immer älter werdende Gesellschaft stellen neue Anforderungen an Nichterwerbsarbeit - und damit generell an die Frage der Wertigkeit solcher Arbeit. Die Gestaltung der Arbeits- und Lebensbedingungen von mor-gen wird somit zur Herausforderung von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.
Die Gesellschaft für Arbeitswissenschaft (GfA) setzt sich mit international orientierten disziplinübergreifenden, ganzheitlichen Forschungs- und Gestaltungskonzepten für die Qualität der Arbeits- und Lebensbedingungen ein. Zu ihren inhaltlichen Kernbereichen zählen der präventive Arbeits- und Gesundheitsschutz, die Produktgestaltung, die Arbeits- und Organisationsgestaltung sowie die Organisationsentwicklung und Arbeitspolitik.
In ihren Frühjahrs- und Herbsttagungen führt die GfA seit Jahrzehnten das Wissen der Einzeldisziplinen wie Arbeitsphysiologie, -medizin, -psychologie, -soziologie, -politik, -pädagogik sowie Ingenieur-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften zusammen. Sie legt dabei besonderen Wert darauf, dass unterschiedliche Zielsetzungen integriert werden, wobei humane und wirtschaftliche Ziele eine besondere Rolle spielen. Dies wird auch von den Organisationen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die beide mit der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft kooperieren, anerkannt und gewürdigt. Mitglieder der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft haben schon in der Vergangenheit an herausragender Stelle an der Entwick-lung der Forschungsprogramme zur Humanisierung des Arbeitslebens sowie zu Arbeit und Technik mitgewirkt. Sie haben auch dafür Sorge getragen, dass die Ergebnisse dieser Programme in den Betrieben, im Regelwerk des Arbeitsschutzes und in der Normung Eingang gefunden haben. Dabei ist jedoch kritisch anzumerken, dass Politik und Wissenschaft solchen Transferprozessen nicht immer die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt haben. Wegen der Bedeutung dieser Thematik für die zukünftige Arbeitsforschung wird die Gesellschaft für Arbeitswissenschaft e.V. zu diesen Fragestellungen getrennt Stellung nehmen und weitere Aspekte in ein Memorandum zur "Zukunft der Arbeitsforschung" integrieren.
Mit ihren Forschungs- und Entwicklungsprogrammen zur Zukunft der Arbeit, zur Produktion und zur Dienstleistung hat die Bundesregierung Herausforderungen der neuen Entwicklungen angenommen. Die Gesellschaft für Arbeitswissenschaft begrüßt diese Schritte. Sie sieht aber auch, dass die neuen Entwicklungen weitere Anstrengungen im Hinblick auf eine moderne, wettbewerbsfähige und gleichzeitig human orientierte Arbeit erfordern, um die Entwicklung in Richtung einer zukunftsfähigen, offenen Gesellschaft zu unterstützen. Hierbei ist es auch notwendig, über Fragen des kurzfristigen und einzelbetrieblich orientierten Erfolges hinaus die gesellschaftlichen Folgen von bestimmten Entscheidungen und damit verknüpfter Entwicklungen zu bedenken. Lösungswege auf der Ebene einer einzelnen Organisation können "wirtschaftlich" sein, sich aber auf der volkswirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Ebene als "unwirtschaftlich" erweisen.
Die im Folgenden angesprochenen Forschungsfelder
und Forschungsfragen sollen Hinweise geben, wo die Gesellschaft für Arbeitswissenschaft
weiteren Forschungs- und Entwicklungsbedarf sieht, für den sie sich eine
angemessene Berücksichtigung durch Institutionen der Forschungsförderung
wünscht.
1 Aus Gründen der Lesbarkeit
wird im Folgenden darauf verzichtet, männliche Formen der Personenbezeichungen
durch weibliche zu ergänzen. Soweit möglich, werden geschlechtsneutrale
Formulierungen benutzt. Wenn sich Personenbezeichnungen allein in der
männlichen Form finden, sind dennoch stets sowohl Frauen wie Männer gemeint.