4.2 Umbrüche und neue Anforderungen

Die traditionelle Form der Erwerbsarbeit ist im Umbruch. Ganztägige und auf Dauer ausgerichtete Beschäftigungsverhältnisse werden durch vielfältige neue Formen von Arbeitsverhältnissen verdrängt. Grenzen zwischen Arbeit und privatem Leben sind zunehmend weniger streng gezogen, was eine Koordinationen zwischen diesen Bereichen erforderlich macht. Über die gesamte Lebenstätigkeit hinweg ist der Wechsel zwischen beruflichen Aufgaben, Weiter-bildung, ggf. auch mit Phasen der Erwerbslosigkeit - als "Erwerbsbiografie" - möglichst nicht nur reaktiv, sondern auch vorausschauend zu gestalten.

Solche Anforderungen werden vielfach als Bedrohung für die Individuen wie auch der gewachsenen sozialen Zusammenhänge, z.B. in der Familie, wahrgenommen. Andererseits sind mit ihnen auch Chancen für eine aktivere Lebensführung verbunden.

  • Vielfalt an Arbeitsverhältnissen

Die Vielfalt an Arbeitsverhältnissen hat zugenommen. Leiharbeit, Scheinselbständigkeit, Teilzeitarbeit, befristete Arbeitsverträge, geringfügige Beschäftigungen und auch Existenzgründungen, die teilweise zu Solo-Unternehmen führen, beschreiben das größere Spektrum und sind Ausdruck dafür, dass die Rahmenbedingungen für Erwerbsbiografien durch mehr Flexibilität und weniger Regulierung gekennzeichnet sind.

Bislang gibt es noch keine Forschungen dazu, wie sich die Kompetenzentwicklung der Erwerbstätigen in stabilen Vollzeitbeschäftigungen von denen in weniger stabilen Beschäftigungsverhältnissen unterscheidet. Es gibt Gründe, widersprüchliche Wirkungen anzunehmen. So bietet Teilzeitarbeit und geringfügige Beschäftigung einerseits größere Chancen, Qualifizierungsprozesse in Lebensphasen zu integrieren. Andererseits kann der geringere Umfang der Einbindung in Kooperationsnetze in den Organisationen dazu führen, dass die Betroffenen nur partiell an Informationsflüssen und Gelegenheiten zum Lernen in der Arbeit teilhaben.

Die anzunehmende Widersprüchlichkeit der Wirkungen neuer Beschäftigungsverhältnisse ergibt sich auch aus dem sehr unterschiedlichen Bedarf für eine individuelle Kompetenzentwicklung. Dieser bezieht sich bei Existenzgründern auf ganz andere Inhalte als bei Berufseinsteigern, die Leiharbeit als Übergangsphase für das Finden eines stabilen Vollzeitarbeitsplatzes betrachten oder bei Personen, die zum Ausklang ihrer Erwerbstätigkeit eine Teilzeitarbeit bevorzugen, um sich auf neue Tätigkeitsbereiche nach dem Erwerbsleben vorzubereiten.

  • Arbeitskraftunternehmer

Aktuell finden sich zwei miteinander verwobene Entwicklungstendenzen: Einmal nach Arbeitszeit, -ort und -inhalt "entgrenzte" Arbeitsformen mit verringerten Möglichkeiten der Mitbestimmung und Interessenvertretung; zum anderen eine weitgehende Mobilisierung der betrieblichen Humanressourcen durch die Selbstoptimierung der Arbeitsgruppen und Arbeitenden in kontinuierlichen Verbesserungs- und Innovationsprozessen. Hierdurch entsteht das hybride Konstrukt des "Arbeitskraft-Unternehmers", der für seine Beschäftigungs- und Unternehmungsfähigkeit selbst verantwortlich ist. In der breiten Spannweite zwischen neuen Formen gering entlohnter Scheinselbständigkeit und gut verdienenden E-Lancern in informationstechnisch geprägten Berufen entsteht ein erweiterter Klärungs- und Gestaltungsbedarf. Zunächst ist eine empirische Absicherung dieses vieldiskutierten Phänomens erforderlich; auf der Basis einer fundierten Typologie ist die Verteilung auf unterschiedliche Arbeitsformen zu untersuchen. Zu fragen ist ferner, ob für diese neuen Arbeitsformen die bisher bewährten arbeitswissenschaftlichen Kriterien menschengerechter Arbeit, z.B. "Entscheidungsspielraum" und "Kooperation", anwendbar bzw. erweiterbar sind.

  • Integration von Erwerbsarbeit und Privatleben

Geänderte Organisationsformen in der Erwerbsarbeit (z.B. Vertrauensarbeitszeit, Telearbeit, Projektbeschäftigung) sowie die Verbreitung von Informationstechnik führen dazu, dass die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben verwischt und sich die Tätigkeitsbereiche stärker verzahnen. Beschäftigte können phasenweise zu Hause arbeiten, sind per Handy rund um die Uhr erreichbar oder rufen von unterwegs ihre Emails ab. Über die Folgen einer solchen "Entgrenzung" der Erwerbsarbeit - z.B. für Erholungsverläufe, aber auch für das Zusammenleben in einem Familienhaushalt - ist noch zu wenig bekannt. Insbesondere ist danach zu fragen, welche Risiken und Chancen die neu gewonnene Autonomie in der Organisation der eigenen Erwerbsarbeit für die Beschäftigten mit sich bringen.

  • Erwerbsbiografien

Wechsel der Tätigkeit, der Organisation oder des Berufs nehmen ebenso zu wie Phasen der Unterbrechung beruflicher Tätigkeiten. Geringfügige Beschäftigung und dynamische Erwerbsbiografien sind nicht länger Einzelfälle. Es entstehen neue, vielfältige Erwerbsbiografien. Unter diesen Bedingungen werden Lernfähigkeit und Lernbereitschaft zur wichtigsten Voraussetzung, um Beschäftigung über ein Arbeitsleben hinweg zu sichern. Mehrfache Tätigkeitswechsel in der Erwerbsbiografie könnten durchaus positive Wirkungen für Erwerbstätige haben, z.B. aufgrund eines gelungenen Transfers der vor einem Wechsel erworbenen fachlichen Kompetenzen in andere Organisationen oder Branchen, oder weil neue Anforderungen an die soziale Kompetenz durch persönliche Weiterentwicklung bewältigt werden. Es ist aber ebenso denkbar, dass solche Tätigkeitswechsel große Teile Erwerbstätiger überfordern. Auch neue Barrieren für die Weitergabe von Praxiserfahrungen an andere Personen sind unter den Bedingungen größerer Selbstverantwortung für die Entwicklung und Vermarktung der eigenen Kompetenzen zu erwarten. Die damit angesprochenen Probleme in der Forschung aufzugreifen ist Voraussetzung dafür, geeignete Unterstützungsmaßnahmen für die persönliche Gestaltung von Berufsbiographien zu konzipieren.


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