4.1 Vernetzte
Informations- und Arbeitswelt
Die "digitale Revolution" wird voraussichtlich, ähnlich wie die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert, weitreichende Veränderungen in unserer Gesellschaft bewirken. Electronic Business (Abwicklung von Geschäftsprozessen über Computernetze) und Electronic Commerce (Elektronischer Kauf und Verkauf über das Internet) haben in den Unternehmensstrategien von Banken, Versicherungen, aber auch von Industrieunternehmen höchste Aufmerksamkeit. In der Arbeitswelt bieten sich dadurch zum einen vielfältige Chancen und Gelegenheiten, zum anderen aber auch neue Herausforderungen und Risiken. Zum aktuellen Zeitpunkt verfügt die im Industriezeitalter geprägte und gewachsene Arbeitswissenschaft über wenig adäquate Analyseinstrumente und Gestaltungskonzepte für diesen Umbruch. Dies mag aufgrund der Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung in diesem Bereich verständlich sein, bedarf dafür aber umso verstärkter Anstrengungen und Aktualisierung der arbeitswissenschaftlichen Forschungsfelder und -methoden.
- Umgang mit dem Internet
Die Benutzung von Computern erfordert immer noch ein hohes Maß an informationstechnischen Kenntnissen. Auch wenn sich durch neue Technologien die Mensch-Rechner-Interaktion in Zukunft mehr und mehr vereinfachen wird, bedarf es der genaueren wissenschaftlichen Klärung, welche Faktoren die Benutzerfreundlichkeit von vernetzten Computersystemen beeinflussen - auch unter den oben diskutierten Veränderungen der Altersstruktur der Beschäftigten. Das Internet hält eine kaum überschaubare Menge an Informationsquellen bereit. Es existieren bisher keine gesicherten Erkenntnisse darüber, wie Menschen mit dieser Informationsflut angemessen umgehen und sie in ihrer Arbeit effektiv verwenden können.
- Neue Arbeitsformen im Electronic Business
Ein Internet-PC und ein Internet-Zugang sind zu relativ geringen Preisen für beinahe jeden erschwinglich. Diese geringen Investitionskosten ermöglichen es, auf elektronischen Marktplätzen Produkte, Informationen und sonstige Güter beliebig zu handeln. Dies kann zum einen als Chance betrachtet werden, auf breiter Ebene Kleinstunternehmertum zu fördern und dadurch Einkommenspotentiale zu schaffen. Personen, die vorher als Arbeitnehmer gearbeitet haben, können in eigenen E-Shops unterschiedliche Dienstleistungen und Produkte anbieten. Es bedarf auf der anderen Seite allerdings der systematischen Erforschung, welche qualifikatorischen Maßnahmen notwendig sind, um effektiv auf diese neue Form der Existenzsicherung vorzubereiten. Welche anderen Arbeitsformen sind denkbar, die es Menschen mit weniger stark ausgeprägtem "Marketing-Charakter" ermöglichen, im Zeitalter der Vermarktung der eigenen Arbeitskraft ein Auskommen zu finden? Eine weitere offene Frage betrifft die mit dieser Entwicklung einhergehenden Veränderungen der Beziehungen zwischen den Sozialpartnern.
- Interaktive Informationsdienste
Infolge der raschen Entwicklung der Informationstechniken und ihrer Komplexität nehmen sowohl der Bedarf an kurzfristig nachgefragten Informationen (z.B. über Hotline) wie auch die Möglichkeiten zu, Informationsdienste anzubieten (z.B. durch Call Center) und Kundenkontakte mit Hilfe von Informationstechniken abzuwickeln. Damit wächst eine Art von Arbeitstätigkeiten, die in hohem Maße von Notwendigkeiten des kurzzeitigen Sich-Einstellens auf immer wieder wechselnde Personen geprägt ist, wobei die Interaktionen häufig unter Zeitdruck abzuwickeln sind. Zu fragen ist z.B., inwieweit - - infolge solcher Bedingungen - die Arbeitsqualität über den Arbeitstag hinweg aufrechterhalten werden kann. Erste Ergebnisse sprechen für erhöhte gesundheitliche Risiken infolge der Ausführung dieser Tätigkeiten. Weitere Forschungen, in denen auch geeignete Arbeitsschutzmaßnahmen zu konzipieren wären, stehen noch aus. Darüber hinaus verlangt auch der Kunde interaktiver Informationsdienste nicht nur nach dem Schutz seiner Daten, sondern auch nach der Respektierung seiner Privatsphäre. Zu entwickelnde Richtlinien und Gestaltungsleitlinien für den Entwurf von E-Commerce-Systemen sollten dies berücksichtigen.
- Teamarbeit in virtuellen Strukturen
Internet-Technologien ermöglichen die Kooperation von Personen unabhängig von zeitlichen und räumlichen Strukturen. Email, Video-Konferenzen, Web-Server, SMS, WAP etc. ermöglichen den einfachen und schnellen Austausch von Daten, Informationen und Arbeitsergebnissen. Menschen können sich zu temporären Projektgruppen zusammenschließen und ausschließlich über das Internet für eine bestimmte Zeit kooperieren, ehe sie ihre Struktur wieder auflösen und sich in neuen Konstellationen für das nächste Projekt organisieren. Die Arbeitswissenschaft hat bisher für diese Form der Gruppen- bzw. Teamarbeit weder Analyse- noch Gestaltungsinstrumente. Bewährte arbeitswissenschaftliche Methoden und Konzepte zur Gruppenarbeit in der Industrie und im Büro bedürfen der systematischen Überprüfung. Welche Gültigkeit werden sie in Zukunft noch besitzen, wie können sie den neuen Arbeitsstrukturen angepasst werden, welche Neuentwicklungen sind erforderlich?
- Virtualität und Gegenständlichkeit im Arbeitshandeln
Es ist denkbar, dass in Zukunft an bestimmten Arbeitsplätzen nur noch in virtuellen Welten gearbeitet wird, ohne direkte Kontakte mit realen Personen und realen Gegenständen. Die Vermischung von virtuellen Handlungen, die spezifische Eigenschaften haben (z.B. leichte Reversibilität), mit realen Aktionen können zu verändertem Wahrnehmungs- und Kommunikationsverhalten und längerfristig zu Persönlichkeitsveränderungen führen. Es fehlen Konzepte zur Sicherstellung von angemessenen Arbeitsbedingungen speziell an Internet-Arbeitsplätzen mit vorwiegend virtuellen Handlungsprozessen.
- Innovationsfähigkeit in virtuellen Strukturen
Innovative Ideen entstehen vielfach in der direkten und unmittelbaren Kommunikation bzw. Kooperation von Personen. Angesichts der zunehmenden Substitution der persönlichen Kommunikation durch eine technisch vermittelte und dem Trend einer stärker befristeten Zusammenarbeit zwischen Personen innerhalb einer Organisation und zwischen Unternehmen stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Chancen und Risiken sich aus virtuellen Unternehmensstrukturen bzw. der wachsenden Bedeutung des E-Business für ein Innovationsmanagement ergeben. In diesem Zusammenhang fehlen bislang geeignete Konzepte, die sicherstellen, dass unter diesen veränderten Rahmenbedingungen die Innovationsfähigkeit von Unternehmen erhalten bleibt.
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