3 Arbeit neu werten

Nach dem vorherrschenden Verständnis von Arbeit wird diese mit Erwerbsarbeit gleichgesetzt. Verbunden hiermit ist häufig eine Bewertung von Arbeitsfeldern, innerhalb derer auf die Herstellung materieller oder informationeller Produkte gerichtete Tätigkeiten (Industrie- und Büroarbeit) im Zentrum stehen und personenbezogene, direkt auf andere Menschen gerichtete Tätigkeiten eine eher untergeordnete Rolle spielen.

In Folge dieses traditionellen Verständnisses werden unbezahlte Tätigkeiten, etwa im Haushalt, im Rahmen von Nachbarschaftshilfe, in Vereinen oder anderen Non-Profit-Organisationen, nicht als Arbeit angesehen; zumindest ist ihr Arbeitscharakter strittig. Es wird zwar häufig betont, dass diese (Arbeits-)Tätigkeiten das Fundament einer demokratischen und sozialen Gesellschaft sowie der erwerbswirtschaftlichen Prozesse seien. Diese Wertschätzung findet aber kaum Niederschlag in einer systematischen Erforschung dieser Tätigkeitsfelder.

Die Vernachlässigung als Forschungsthema gilt auch für personenbezogene Tätigkeiten, wie etwa die Sorge und Betreuung von Kindern, kranken oder älteren Menschen. Diese nehmen im unbezahlten Sektor einen erheblichen Umfang ein. Aber auch für den Erwerbsbereich lässt sich zeigen, dass der Anteil der personenbezogenen Tätigkeiten steigt. Dennoch ist die Erforschung der Dienstleistungsarbeit, insbesondere der direkt auf andere Menschen gerichteten Dienste, gegenüber dem Bereich der Industrie- und Büroarbeit nur wenig vorangeschritten.

Derzeitige Forschungsförderungen sind häufig an die Verwertbarkeit der Forschungsergebnisse für einzelne, an der Finanzierung zu beteiligende privatwirtschaftliche Unternehmen gekoppelt. Dieses Verfahren verstärkt die mangelnde Berücksichtigung spezifischer Tätigkeitsfelder. Offensichtlich ist dies für den Bereich unbezahlter Arbeitstätigkeiten außerhalb der Erwerbswirtschaft. Es gilt aber auch für personenbezogene Dienstleistungen, die im Rahmen öffentlicher bzw. über Sozialleistungen finanzierte Institutionen erbracht werden.

Es ist daher dringend erforderlich, das in der Wissenschaft, Politik und Wirtschaft vorherrschende Bild von Arbeit zu überdenken, d.h. Arbeit neu zu werten und ein entsprechend erweitertes Verständnis von Arbeit als Grundlage für Forschung und Forschungsförderung heranzuziehen. Hier wären "ministerienübergreifende" Förderprojekte wünschenswert.


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