2.2 Arbeit und Gesundheit

Auf der Grundlage eines differenzierten und umfassenden Verständnisses von Gesundheit und einer Interpretation von arbeitswissenschaftlichen Handlungsfeldern, die Nichterwerbsarbeit aber auch Arbeitslosigkeit einschließt, ergibt sich ein Handlungsbedarf, der nur interdisziplinär zu bewältigen ist. Dies trifft insbesondere für alle Fragen der Prävention zu.

Viele Wissenschaftsdisziplinen betreiben Forschung zu einem Problem in der Praxis. Bei der Risikoforschung der vergangenen Jahrzehnte war die Pluri- und Interdisziplinarität zeitlich versetzt, das Themenfeld wurde in zeitlicher Folge von unterschiedlichen Disziplinen bearbeitet. Jetzt und in Zukunft müssen die verschiedenen Disziplinen die Themenfelder gemeinsam angehen. Diese Notwendigkeit steigt, wenn es gilt, nicht nur schädigungslose, sondern gesundheits- und persönlichkeitsfördernde Arbeitsbedingungen zu gestalten.

  • Diagnostik der Gesamtbeanspruchung durch Arbeit

Wiederholt wurden in den letzten Jahren Untersuchungen der Kombinationswirkungen verschiedener Arbeitsbelastungen als Forschungsschwerpunkt gefordert, ohne dass sich dazu Wesentliches vollzogen hätte. In Zukunft wird der Kombination von veränderter Arbeitsorganisation und Arbeitszeitstruktur mit den psychischen, physischen, chemischen und physikalischen Belastungsfaktoren eine noch größere Bedeutung zukommen. Forschungen zur Erfassbarkeit solcher Kombinationswirkungen, der psychophysiologischen Messbarkeit von chronischen Belastungszuständen sowie deren Beeinflussbarkeit und zum epidemiologischen Nachweis von Langzeitwirkungen sind daher dringend erforderlich.

  • Berücksichtigung psychosozialer Faktoren

Psychosozialen Faktoren und Stress sind sowohl in der Forschung als auch in der präventiven Praxis eine wachsende Bedeutung zuzumessen. Die Forschung hat Modelle vorzuschlagen, Methoden bereitzustellen, Erklärungsansätze für positive und negative Wirkungen von mentalen und emotionalen Anforderungen zu erarbeiten, die in der Praxis umgesetzt werden können. Erfassung und Bewertung mentaler und emotionaler Faktoren in der Arbeitstätigkeit werden als wesentlicher Bereich für die zukünftige Forschung gesehen, ergänzt durch Konzepte zur arbeitsbezogenen Therapie.

  • Multikausalität arbeitsbedingter Erkrankungen

In der Forschung zu arbeitsbedingten Erkrankungen gilt es, nicht lediglich die kausale Bedingtheit von Erkrankungen im Sinne von Berufskrankheiten zu untersuchen, sondern die Bedeutung der Arbeit in der Multikausalität von Zivilisationskrankheiten durch interdisziplinäre Untersuchungen herauszuarbeiten. Dabei werden in Zukunft allergische Erkrankungen der Lunge und der Haut eine bedeutsame Rolle spielen. Auch die Prävention von arbeitsbedingten Muskel- und Skeletterkrankungen der Wirbelsäule und der oberen Extremitäten verlangt ein interdisziplinäres Herangehen. Erheblicher Forschungsbedarf besteht in der Untersuchung der Bedeutung von Arbeit für die sogenannten unspezifischen Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen wie das chronische Erschöpfungssyndrom, das Burnoutphänomen oder die ideopatische Umweltintoleranz.

  • Aktive Rolle des Arbeitenden

Der Mensch nimmt sozial, kommunikativ und emotional eine neue, aktivere Rolle in der Arbeit ein. Möglichkeiten der Beeinflussung von Arbeitsbedingungen und -ausführung wachsen, Leistungs- und Zeitdruck nehmen zu. Deshalb geht es in der zukünftigen Forschung nicht nur um den Nachweis, dass bestimmte Arbeitstechnologien, -strukturen und -organisationen Wirkungen auf den Menschen im Allgemeinen ausüben, sondern es gilt die Individualität hinsichtlich Risiken und Ressourcen stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Warum werden unter gleichen Arbeitsbedingungen einzelne Menschen krank und andere bleiben stabil und leistungsfähig bis ins hohe Alter? Die Beurteilung von Arbeitsfähigkeit, die Untersuchung individuellen Arbeitseinsatzes, Risiko- und Ressourcenerklärung auf individueller Basis stellen neue Anforderungen. Zu erforschen ist, wie Beratungs- und Unterstützungsangebote für Arbeitgeber und Beschäftigte erweitert werden können.

  • Arbeit und Gesundheit im Rahmen integrierter Managementsysteme

Es besteht ein Bedarf an Konzepten, die es ermöglichen, gesundheitsrelevante Aspekte stärker noch als bisher in das Managementsystem einer Organisation einzubinden. Dabei darf es aber nicht das Ziel der Anstrengungen sein, ein weiteres Managementsystem einzuführen, das isoliert z.B. neben Qualitäts- und Umweltmanagementsystemen steht. Vielmehr muss die Zielsetzung dahin gehen, das Thema Gesundheit in das vorhandene Managementsystem zu integrieren und letzteres ggf. in geeigneter Form weiterzuentwickeln.

Die dauerhafte Umsetzung eines solchen Ansatzes redefiniert die Bedeutung des Themas Gesundheit für eine Organisation. Gesundheitsrelevante Fragen dürfen nicht länger das ausschließliche Aufgabenfeld entsprechender Fachexperten sein. Vielmehr muss die Bearbeitung entsprechender Fragestellung auch zu einer Führungsaufgabe werden und hierdurch einen Beitrag zu einer nachhaltigen Unternehmensentwicklung leisten. Für den Erfolg eines solchen Vorhabens ist die Bearbeitung einer Reihe von bisher unbeantworteten Forschungsfragen erforderlich.

So ist z.B. zu klären, wie betriebliche Managementsysteme in Bezug auf Strukturen, Abläufe und Verhaltensdimensionen ausgestaltet sind, bei denen der präventive Arbeitschutz ein gleichberechtigter und integraler Bestandteil ist.

Zu fragen ist u.a.: Wie müssen geeignete Umsetzungsstrategien gestaltet sein? Welche Analyse-, Bewertungs- und Gestaltungswerkzeuge werden für den Umsetzungsprozess benötigt? Wie lassen sich Geschäftsprozesse gleichzeitig unter wirtschaftlichen und gesundheitlichen Aspekten optimieren? In welcher Form sind gesundheitsrelevante Aspekte in Politik und Strategie einer Organisation zu verankern, um eine dauerhafte Verbesserung der betrieblichen Gesundheitssituation zu erreichen?


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