1.1 Innovative Produkte und Prozesse:
Ergonomie und Ökologie als Wettbewerbsfaktor
Produkt- und Prozessinnovationen waren schon immer wesentliche Wettbewerbsfaktoren. Der Fortschritt in allen Bereichen der Technik führt nicht selten zu einer steigenden Anzahl von Funktionen und damit zu größerer Komplexität. Der ökonomische Erfolg von Produkten und technischen Systemen wird daher zunehmend von ihrer Nutzerfreundlichkeit bzw. "Benutzbarkeit" abhängen. Die Orientierung an dem Prinzip nachhaltiger Entwicklung muss darüber hinaus ökologischen und humanorientierten Gesichtspunkten (wieder) eine größere Bedeutung zukommen lassen. Dies erfordert auch, Rationalisierungskonzepte nicht einseitig an die Technikentwicklungen zu koppeln, sondern neue Gestaltungskonzepte mit positiven Beschäftigungswirkungen zu entwickeln.
- Ergonomie komplexer Produkte
Wenn technische Innovationen den Menschen bei der Arbeit unterstützen oder den Freizeitwert erhöhen sollen, ist es entscheidend, ob alle Funktionen genutzt bzw. bedient werden können. Hieraus ergeben sich vielfältige Anforderungen an eine Produktergonomie. Der Vormarsch der Informations- und Kommunikationstechnologie in alle Lebensbereiche und die dort eingesetzten Produkte machen eine Auseinandersetzung mit dem Thema Nutzerfreundlichkeit dringend erforderlich. Bei vergleichbaren Kosten- und Preisstrukturen kann Nutzerfreundlichkeit zu einem entscheidenden Verkaufsargument werden und zugleich die Nachfrage nach entsprechend gestalteten Produkten fördern. Arbeitswissenschaftliche Forschungen zur Ergonomie komplexer Produkte können so zur Sicherung von Beschäftigung beitragen. Die Reduzierung von Produktkomplexität kann sich darüber hinaus auch positiv auf die Herstellungskosten auswirken. Die hier skizzierten Zusammenhänge sind zu erforschen und für die betriebliche Praxis aufzubereiten.
- Sicherheit in komplexen Systemen
Der zunehmende Einsatz komplexer technischer Systeme macht es erforderlich, diese sicher bedienbar zu machen. Dabei ist u.a. zu beachten, dass die sichere Bedienung eines technischen Systems nicht vorrangig durch eine Reduktion des Handlungsspielraumes des Nutzers erzielt wird. Die hieraus resultierenden Qualifikationsverluste würden sich letztlich in einer verringerten Effektivität und Effizienz des Gesamtsystems niederschlagen (z.B. beim Umgang mit Systemstörungen). Technische Systeme müssen vielmehr so gestaltet wer-den, dass sie den Erhalt vorhandener und den Erwerb neuer Qualifikationen erleichtern. Es sind Methoden und Werkzeuge zu entwickeln, welche die Ergonomie von komplexen Systemen auch durch die Unterstützung des qualifizierten Umgangs mit ihnen verbessern.
- Integrative Produkt- und Prozessentwicklung
Die Begrenztheit von Ressourcen und die Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen wird die Thematik einer nachhaltigen Entwicklung weiter in den Vordergrund rücken. Produkte und Herstellungsprozesse auch unter ökologischen Gesichtspunkten zu gestalten, wird zunehmend erforderlich. Es sind Verfahren zu entwickeln, die Ergonomie und Ökologie bei der Gestaltung und Herstellung von Produkten verknüpfen. Produktgestaltung bzw. Produktaufbau hat Auswirkungen auf die späteren Möglichkeiten der Arbeits-(inhalts-)gestaltung. Diese Zusammenhänge sind zu erforschen und in eine entsprechende Produktergonomie zu integrieren. Darüber hinaus müssen integrative Produktentwicklungskonzepte erarbeitet werden, die neben technischen und wirtschaftlichen Determinanten auch ökologische und ergonomische im hier dargestellten Sinne berücksichtigen.
- Ausbildung von Experten der Produktergonomie
Aus dem bisher Dargestellten ergibt sich ein steigender Bedarf nach arbeitswissenschaftlichen Experten der Produktergonomie, die in der Lage sind, multidisziplinäre Problemlösungen zu erarbeiten. Aus- und Weiterbildungskonzepte für diesen Bedarf existieren bisher gar nicht oder nur in Ansätzen. Erforderlich sind damit neben der Weiterentwicklung vorhandener auch neue Konzeptionen.
- Beschäftigungsorientierte ganzheitliche Rationalisierung
Neue Technologien und Verfahren beinhalten auch Rationalisierungspotentiale, die das Angebot an Erwerbsarbeit mindern können. Ganzheitliche Rationalisierung bedeutet in diesem Kontext, wirtschaftliche und beschäftigungsorientierte Aspekte sowohl einzelwirtschaftlich als auch gesamtwirtschaftlich in die Bewertung einzubeziehen. Als Alternative zu einer - letztlich unwirtschaftlichen - Überautomatisierung ist zu unter-suchen, wie Prozesse der Technik- und Organisationsgestaltung beschäftigungsorientiert ausgestaltet werden können. Vorliegende Untersuchungen zeigen, dass Produktionskonzepte, die den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen explizit in ihrem Zielsystem berücksichtigen, in Bezug auf Flexibilität und Wirtschaftlichkeit höher automatisierten Produktionsformen überlegen sein können. Auch unter arbeitsmarktpolitischen Aspekten ist in diesen Kontext das Konzept "Einfacharbeitsplätze" zu integrieren, woraus sich allerdings ein besonderer arbeitswissenschaftlicher Handlungsbedarf ergibt.
Eine auf der Zusammenarbeit von Ingenieuren, Ökonomen und Sozialwissenschaftlern aufbauende Arbeitswissenschaft kann helfen, Produktionskonzepte und Bewertungssysteme zu entwickeln, die betriebliche und gesellschaftliche Fehlrationalisierung frühzeitig erkennbar machen ("Frühwarnsysteme") und Beiträge leisten zur Konzipierung und praktischen Umsetzung beschäftigungssichernder und beschäftigungsschaffender Organisations-, Technik- und Arbeitsgestaltung.
Rationalisierungsprozesse sind vielfach mit veränderten und zusätzlichen Leistungsanforderungen, neuen Formen der Zielvereinbarungen und geänderten Bewertungsystemen verknüpft. Dabei sind Fragen der Wirtschaftlichkeit ebenso einzubeziehen, wie die Gewährleistung der psychischen und physischen Gesundheit der Beschäftigten, die Schaffung und der Erhalt einer kooperativen Unternehmenskultur. Hier stellt sich die Aufgabe, diese Prozesse wissenschaftlich zu begleiten, Vorschläge zu einer kooperativen Gestaltung zu entwickeln und zu einem fairen Interessenausgleich zwischen allen Beteiligten beizutragen.
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